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Yoga: Tradition und Erfahrung - T.K.V.Desikachar - Teil 1

Link: Über T.K.V. Desikachar

 

Yoga – Tradition und Erfahrung

Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patanjali

eine Rezension von Bettina Roßner

 

Idealerweise treten wir mit der Yoga-Praxis in einen Prozess ein, der dem, was uns schadet, Einhalt gebietet. Dieses Einhalt gebieten geschieht nicht absichtlich: Es sind nicht wir, die Einhalt gebieten, sondern etwas hört von selbst auf, weil wir uns auf etwas Positiveres ausgerichtet haben. (T.K.V.Desikachar)

 

Der Autor T.K.V. Desikachar ist ein Sohn und Schüler von T. Krishnamacharya, einem „der einflussreichsten Yoga-Lehrer des 20. Jahrhunderts, dem die Wiederbelebung des Hatha Yoga zugeschrieben wird“ (Wikipedia). T.K.V Desikachar gründete im südindischen Madras den Krishnamacharya Yoga Mandiram. Er entwickelte Viniyoga, eine Yoga-Form mit therapeutischem Ansatz, die sehr auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingeht.

 

Das Buch Yoga – Tradition und Erfahrung von T.K.V Desikachar basiert auf dem einmonatigen Kurs „Religiousness in Yoga“, den der Autor 1976 an einer Universität in den USA für Studenten abgehalten hat. Die Vorträge Desikachars und die Gespräche mit den Studenten wurden von Mary L. Skelton und Prof. John R. Carter redaktionell bearbeitet und in Buchform herausgegeben. Auf Deutsch wurde das Buch in der Übersetzung und Überarbeitung der Ärzte und Yoga-Therapeuten Imogen Dalman und Martin Soder in Zusammenarbeit mit Desikachar im Via Nova Verlag herausgegeben.

 

In sehr gut verständlicher Sprache bietet das Buch einen hervorragenden Überblick über die Grundlagen der Yoga-Praxis und der Yoga-Philosophie, die ich im folgenden kurz zusammenfasse.

 

 

Zum Inhalt

 

Los geht es mit einer Erläuterung des Begriffes Yoga und einer Einführung in die zugrunde liegende Philosophie. Yoga ist eines von 6 grundlegenden indischen Denksystemen (Sanskrit: darshana; drsh = sehen) und hat seinen Ursprung in den Veden. Die erste systematische Zusammenfassung des Yoga-darshana erfolgte durch Patanjali in seinem Yoga-Sutra. Patanjali - ein großer indischer Weiser, über dessen Leben nichts bekannt ist - soll gelebt haben zwischen dem 2. Jh. vor und dem 4. Jh. nach unserer Zeitrechnung.

 

Die "Bedeutungen" des Wortes Yoga sind zahlreich: Zusammenbringen (samadhi); den Geist bündeln (ekâgratha); erreichen, was bisher unerreichbar war (apraptasya praptihi; siddhi = außerordentliche Fähigkeiten); Aufmerksamkeit im Handeln (karmasu kousalam); Eins sein mit dem Göttlichen (= îshvara

 

Desikachar beschreibt Yoga als ganzheitlichen Weg, für dessen Studium es keine Vorbedingungen gibt:

„Wir können die Yogapraxis an jedem beliebigen Punkt beginnen, aber als ganzheitliche menschliche Wesen müssen wir schrittweise alle Aspekte von uns selbst einbeziehen.“

 

Zahlreiche wichtige Begriffe werden erläutert, wie z. B avidyâ („Wissen, das kein richtiges Wissen ist“) und seine „Kinder“ im Gegensatz zu vidyâ („wissen, das wir klar sehen“). Die Kinder von avidyâ, welches wir „mehr durch seine Abwesenheit, nicht wenn es anwesend ist“, bemerken, sind

  • asmitâ (Ego)
  • râga (Bedürfnis nach Festhalten)
  • dvesha (Ablehnung) und
  • abhinivesha (Angst, Zweifel, Unsicherheit)

„Solange die Kinder von avidyâ im Ausbreiten begriffen sind, ist die Gefahr groß, dass wir einen falschen Schritt machen, weil sorgfältiges Abwägen und achtsames Urteilen fehlt (dhyâna = Reflektion). Was Yoga bewirkt ist eine Verminderung von avidyâ, damit sich wahres Verstehen durchsetzen kann.“

 

Sat-vâda (= sein – Ansicht/Meinung)  bedeutet dabei, dass alles, was wir wahrnehmen, real ist. Parinâma-vâda umschreibt das Konzept, dass „diese Dinge ständig im Fluss, … dem Wandel unterworfen“ sind.

 

Purusha ist „die Kraft in uns, die richtig zu sehen vermag. …. In dem Maß, wie wir vorankommen, wird es immer weniger Unklarheit und immer mehr Klarheit geben.“ Purusha heißt „die Person, die in der Stadt wohnt“ (auch drashtr = das Sehende).

 

Zu avidyâ kommt es, wenn man drashtr (das Sehende) und drshya (das Gesehene = prakrti) miteinander verwechselt. „Dieses Verwechseln nennt sich samyoga. Samyoga heißt so viel wie: zwei Dinge sind so eng miteinander verbunden, dass wir sie nicht auseinander halten können.“ (Kapitel 7)

 

„Evolutionstheorie“ des Yoga-Systems:

„Alle Dinge, die in den Bereich des prakrti fallen, haben eine gemeinsame Quelle …. Pradhâna bezeichnet die(se) „Urmaterie“. Aus pradhâna und purusha, die ursprünglich keine Verbindung hatten, keimt prakrti; daraus entsteht alles Materielle: mahat (das „große Prinzip“), daraus ahamkâra (die „Empfindung des Ich“), daraus die tanmâtra (Klang, Berührung, Erscheinungsform, Geschmack und Geruch des Materiellen) und die indrya, die Sinne: Wahrnehmungssinne Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken, Riechen; aktive Sinne „bilden die Stimme, schaffen mit Hilfe der Hände, bewegen uns und bewerkstelligen die Ausscheidung und die Fortpflanzung“; aus den tanmâtra entfalten sich die bhûta (die Elemente: Raum, Luft, Licht, Wasser, Erde). (Kapitel 8)

 

Der Übungsweg des Yoga hat drei Aspekte, „Zusammen genommen sind sie bekannt als kriyâ-yoga, das Yoga des Handelns":

  • tapas (erhitzen, reinigen; die Praxis von âsana und prânâyâma)
  • svâdhyâya (uns selbst kennen lernen) und
  • îshvara-ranidhâna (Qualität des Handelns, „Liebe zu Gott“)

Âsana (Haltungen) sollen zwei Qualitäten in sich vereinen: sukha (Leichtigkeit) und sthira (Festigkeit und Aufmerksamkeit).  Um dies zu erreichen, müssen wir uns zunächst so annehmen, wie wir sind.

„Der erste Schritt hin zum Erkennen unseres Zustandes in seiner Gesamtheit beginnt mit der Erforschung unseres Körpers, unseren Atem eingeschlossen. Wir nennen diesen Prozess svâdhyâya.“

 

Die Beobachtung unserer Atmung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Yoga-Übungspraxis. Bestimmte Atemtechniken, wie der leichte Verschluss des Kehlkopfes oder das Verlängern der Atempausen, erleichtern uns die bewusste Wahrnehmung unseres Atems in Verbindung mit den körperlichen Bewegungen in den âsana. Betont lange Einatmungen und das Halten des Atems nach der Einatmung (brmhana) verstärkt die Wirkung der Praxis auf den Bereich des Brustkorbs. Betont lange Ausatmungen und das Halten des Atems nach der Ausatmung (langhana) verstärkt die Wirkung der Praxis auf den Bereich des Bauchraumes (reinigend, entschlackend).

 

Âsana können statisch oder dynamisch praktiziert werden, je nach den Voraussetzungen des Übenden und der Art, wie wir in den jeweiligen âsana arbeiten möchten („verschiedene Menschen brauchen verschiedene âsana“). Der Atem ist es, „der uns frühzeitig und sehr genau darüber Auskunft geben kann, ob wir uns zu viel abverlangt haben.“

 

Wichtige Prinzipien für vinyâsa krama (= Übungspraxis; krama = Schritt, nyasa = plazieren, vi = „in besonderer Weise“)

  • Dort beginnen, wo wir sind.
  • Den ganzen Körper zu Beginn einer Praxis aufwärmen und lockern.
  • Ein âsana schrittweise vorbereiten.
  • Ein âsana sollte erst dynamisch ausgeführt werden, bevor wir es statisch praktizieren.
  • Nach dem wesentlichen âsana folgt immer eine Ausgleichsübung, das pratrikiâsana
  • Die Ausgleichsübung muss für den Übenden immer einfacher sein, als das Hauptâsana.

Das Konzept von vinyâsa krama gilt

  1. Für die Praxis des einzelnen âsana
  2. Für die Abfolge der âsana in einer Praxissequenz
  3. Für den Fortgang unserer Praxis über Wochen und Jahre.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Berücksichtigung von Pausen nach den âsana und vor prânâyâma.

 

Gründe für Variationen in den âsana sind

  • Das Berücksichtigen der Besonderheiten einer Person
  • Der Wunsch nach besonderen Resultaten
  • Der Wunsch nach Wirksamkeit
  • Die Herstellung von Aufmerksamkeit und von Ausrichtung
  • Die Schaffung einer Sensibilität für neue Erfahrungen.“

 

Duhkha (Eingeschränktheitsein) ist ein weiteres Konzept, das neben avidyâ unser „Herz verdunkelt“; es entsteht aus avidyâ und den guna, den drei Grundbestandteilen der Urnatur (prakrti)

  • tamas (Trägheit)
  • rajas (Unruhe) und
  • sattva (Klarheit, woraus alleine kein duhkha entstehen kann).

 

Im Yoga-Sutra gibt es fünf Qualitäten (vritti = Bewegungen, Aktivitäten) des Geistes (citta), die zusammenwirken und Einfluss darauf haben können, wie groß duhkha wird

  • pramâna (direkte Wahrnehmung mittels unserer Sinne)
  • viparaya (das falsche Verstehen)
  • vikalpa (die Kraft der Vorstellung)
  • nidrâ (der traumlose Schlaf) und
  • smriti (die Erinnerung).

 

"Das Yoga-Sutra sagt: Purusha „sieht“, erkennt vermittels des Geistes und kann dies darüber hinaus nur auf diese Weise tun. Ist der Geist gefärbt, so bleibt auch das Bild gefärbt, das auf purusha trifft; ist der Geist klar, so ist die Beobachtung optimal. … Deshalb arbeiten wir im Yoga am Geist. An purusha können wir nicht arbeiten. Im gleichen Maß, wie wir aber den Geist nach und nach durchsichtiger, klarer machen, wird purusha klarer beobachten können und uns dieses besondere „Sehen“ zugänglicher werden."

 

Samskâra (sam = vollständig, angesammelt; kara von kr = tun, handeln) ist die „Konditioniertheit unseres Geistes, die ihn immer wieder die gleichen Richtungen nehmen lässt“ und kann positiv und negativ sein. Parivritti bedeutet Umorientierung (pari = um, herum) und meint „Voraussehen und die daraus resultierende Umorientierung“.

 

"Idealerweise treten wir mit der Yoga-Praxis in einen Prozess ein, der dem, was uns schadet, Einhalt gebietet. Dieses Einhalt gebieten geschieht nicht absichtlich: Es sind nicht wir, die Einhalt gebieten, sondern etwas hört von selbst auf, weil wir uns auf etwas Positiveres ausgerichtet haben.“

 

Dhâranâ, die kontinuierliche Konzentration auf einen Gegenstand“, z.B. âsana, „dyâna, die tiefe Beziehung, die sich in der Folge zwischen diesem Gegenstand und dem Betrachter … etabliert, und samâdhi, in dem das Ich fast völlig hinter dem aufscheinenden Gegenstand verschwindet; diese drei zusammen nennt der Yoga samyama.Uns auf einen Gegenstand zu konzentrieren und ihn so lange erforschen, bis wir alles über ihn wissen, das ist das Ziel von samyama.“

 

Kaivalya … beschreibt den Zustand innerer Freiheit, nach dem der Yoga strebt, die letzten 34 Verse des Yoga-Sutra sind kaivalya gewidmet. Das Wort leitet sich ab von kevala, was so viel heißt wie „sich abseits halten.“ … der Mensch „trägt nicht mehr die Last der Welt auf seinen Schultern. Er lebt in der Welt, aber er ist ihr nicht unterworfen. … Die Kräfte von außen, die uns immer so sehr beeinflussen, verlieren ihre Wirkungskraft auf uns. Aber wir kennen die Welt draußen sehr wohl. Kaivalya ist eine Auswirkung auf unsere gesamte Persönlichkeit; die Auswirkung eines „Immer-mehr“ von samâdhi. …

Für eine Person, die kaivalya erfährt, ist prakrti, die gegenständliche Welt, einfach nur das was sie ist und hat darüber hinaus keinen Sinn.“

 

Die Bewegungen/Aktivitäten (vritti, s.o.) unseres Geistes können auf 5 Arten stattfinden (Kapitel 15):

  1. kshipta:„Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen kommen und gehen in schneller Folge, wir werden ihrer kaum gewahr, und es gibt keinen roten Faden darin“
  2. mudha: „die Neigung, aufmerksam zu beobachten oder zu handeln und zu reagieren, ist fast gänzlich verschwunden“
  3. vikshipta: „hier ist der Geist in Bewegung, und diese Bewegung bekommt auch immer wieder einmal eine Richtung, aber in der Regel verliert er sie genauso schnell wieder“
  4. im Zustand von ekâgrata ist uns etwas klar geworden, wir haben eine Richtung und vor allem: Wir können diese Richtung weitergehen, können unseren Geist darauf ausgerichtet halten. Wir sind klarer, und Ablenkungen zeigen nur noch wenig Wirkung. Dieser Zustand entspricht jenem von dhâranâ...
  5. Entwickelt sich ekâgrata weiter, so gipfelt dies in einem Zustand, den wir nirodha nennen. … Es ist eine Beschreibung eines Zustandes, in dem der Geist ohne Ablenkung arbeitet, auf Eines allein hin ausgerichtet ist und nichts anderes störend eingreift. …Wenn man etwas sagen kann darüber, was im Zustand von nirodha geschieht, dann das: Man sieht und weiß.“

 

Die neun Hindernisse auf dem Yogaweg:

„Mit dem Begriff antarâyâh, Hindernis, beschreibt Patanjali die Steine, die vor einem Menschen liegen. … Patanjali zählt auf:

  • Krankheit (vyâdhi)
  • Trägheit (styâna)
  • Zweifelsucht (samshaya)
  • Hast (pramâda)
  • Resignation (âlasya)
  • Ablenkung (avirati)
  • Unwissenheit und Selbstüberschätzung (bhrântidarshana)
  • die Unfähigkeit, einen neuen Schritt zu machen (alabdhabhûmikatva)
  • und das Erreichte nicht bewahren können (anavasthitatvâni).

Zum Umgang mit den Hindernissen nennt Desikachar als hilfreich:

  • das vertrauensvolle Verhältnis zum Lehrer, bzw. einem Lehrer, einer Richtung zu folgen
  • pranayama mit Betonung der Ausatmung und etwas Atemverhaltung danach
  • „wir können versuchen, unsere Sinne zu erforschen und damit unseren Geist zu beruhigen“
  • purusha erforschen: „die Upanishad, vedische Schriften, lokalisieren purusha irgendwo in der Herzgegend … [wo] eine kleine Öffnung zu erkennen ist, die einer Lotusknospe gleicht. Dorthin die Aufmerksamkeit zu richten … bringt den Geist zur Ruhe“
  • sich mit den Menschen zu beschäftigen, die im Laufe ihres Lebens schon viel Erfahrung mit duhkha, Leid, gemacht und es überwunden haben.                                                                           

 

 Fortsetzung folgt demnächst in Teil 2 :-)

 

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